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Nordsee oder Ostsee? Eine ehrliche Entscheidungshilfe

Die Frage kommt jedes Frühjahr, und meistens wird sie mit „beides schön” beantwortet. Das ist zwar nicht falsch, hilft aber niemandem. Die beiden Küsten sind unterschiedlicher, als die Landkarte vermuten lässt – und für die meisten Urlaubstypen gibt es tatsächlich eine bessere Wahl.

Der Unterschied, der alles andere bestimmt: die Gezeiten

An der Nordsee steigt und fällt das Wasser zweimal täglich um zwei bis dreieinhalb Meter. Das heißt konkret: Baden geht nicht immer, sondern in einem Zeitfenster rund um Hochwasser. Bei Niedrigwasser liegt vor vielen Orten Watt statt Meer, teils kilometerweit.

Die Ostsee hat praktisch keine Tide. Das Wasser ist da, wenn man ankommt, und es ist noch da, wenn man vom Mittagessen zurückkommt.

Ob das ein Nachteil ist, hängt völlig davon ab, was man will. Das Wattenmeer ist Unesco-Weltnaturerbe und einer der artenreichsten Lebensräume Europas – Wattwanderungen, Seehundbänke, Krabbenkutter gibt es nur hier. Wer aber morgens spontan ins Wasser will, ohne vorher einen Tidenkalender zu lesen, ist an der Ostsee besser aufgehoben.

Wasser: Temperatur und Salz

Die Ostsee ist im Sommer wärmer. In flachen Buchten und Bodden erreicht sie im August durchaus 20 bis 22 Grad. Die Nordsee liegt meist bei 17 bis 19 Grad, weil ständig kühleres Atlantikwasser nachkommt.

Beim Salz ist der Unterschied noch größer: Die Nordsee hat etwa 32 bis 35 Gramm pro Liter, die westliche Ostsee nur rund 15 bis 20, nach Osten hin immer weniger. Das merkt man. Ostseewasser brennt weniger in den Augen, hinterlässt kaum Salzkruste und ist für empfindliche Haut angenehmer. Nordseewasser trägt besser und gilt mit seinem salzhaltigen Reizklima als das anspruchsvollere – Kurorte an der Nordsee werben genau damit.

Nebenbei: Feuerquallen sind ein weitgehend nordseeisches Problem. In der Ostsee reicht der Salzgehalt für sie meist nicht.

Wind und Wellen

Die Nordsee ist windiger, und zwar zuverlässig. Für Kite- und Windsurfer ist das der ganze Punkt – St. Peter-Ording und Sylt gehören zu den besten Revieren Europas. Für alle, die einen windstillen Strandtag im Sinn haben, ist es das Gegenteil eines Arguments.

Die Ostsee ist in der Regel ruhiger, mit kleineren Wellen und geschützteren Buchten. Zum Segeln, Stand-up-Paddeln und für Schwimmanfänger ist das die freundlichere Umgebung.

Strände

Hier lohnt eine Warnung, die selten deutlich ausgesprochen wird: Nicht jede Nordseeküste hat einen Strand. An weiten Teilen des Festlands – Ostfriesland, Dithmarschen, Nordfriesland – liegt hinter dem Deich Grünland und davor Watt. Die großen Sandstrände findet man auf den Inseln und in wenigen Orten wie St. Peter-Ording. Wer im Reisebüro „Nordsee” bucht und Sandstrand erwartet, muss genau hinschauen.

Die Ostsee ist da unkomplizierter: feiner Sand fast durchgehend, dazu Steilküsten, die Kreidefelsen auf Rügen und die Bäderarchitektur der Seebäder.

Anreise und Preise

Die Ostseeinseln Rügen, Usedom und Fehmarn sind über Brücken oder Dämme erreichbar – man fährt einfach hin. Die ostfriesischen Nordseeinseln sind autofrei und nur per Fähre erreichbar, deren Zeiten von der Tide abhängen. Sylt erreicht man mit dem Autozug über den Hindenburgdamm.

Preislich nehmen sich die Spitzenlagen wenig: Sylt und Rügen sind beide teuer. Günstiger wird es auf beiden Seiten am Festland – die ostfriesische Küste und Dithmarschen einerseits, die mecklenburgische Küste abseits der bekannten Bäder andererseits.

Nebensaison

Beide Küsten funktionieren außerhalb des Sommers, aber unterschiedlich. Die Nordsee ist die bessere Herbst- und Winterküste: Sturm, Gischt, leere Deiche, Wattwanderungen bei klarer Luft. Die Ostsee spielt ihre Stärken eher im Mai, Juni und September aus, wenn es ruhig und mild ist. Rügen und Usedom gehören außerdem zu den sonnenscheinreichsten Regionen Deutschlands.

Die Empfehlung

Nimm die Ostsee, wenn …

  • du kleine Kinder hast und ohne Tidenkalender planen willst
  • dir warmes Badewasser wichtig ist
  • du einen ruhigen Strandurlaub ohne Dauerwind suchst
  • du Städte wie Lübeck, Wismar oder Stralsund mitnehmen möchtest
  • du mit dem Auto direkt bis vor die Unterkunft fahren willst

Nimm die Nordsee, wenn …

  • du Natur willst, die man erleben und nicht nur ansehen kann
  • Wattwanderung, Vogelzug und Seehunde auf deiner Liste stehen
  • du surfst, kitest oder Wind grundsätzlich für ein Feature hältst
  • du im Herbst oder Winter ans Meer fährst
  • du eine autofreie Insel suchst

Unentschieden bei … Preis, Strandqualität in den Top-Lagen und Restaurantszene. Da nehmen sich die beiden nichts.

Und wenn man sich nicht entscheiden kann?

Dann hilft eine simple Faustregel: Die Ostsee ist der bequemere Urlaub, die Nordsee der eindrucksvollere. Wer entspannen will, fährt nach Osten. Wer etwas erleben will, das es sonst nirgends gibt, fährt nach Westen.


Team Nordsee oder Team Ostsee? Und warum? Ab in die Kommentare.

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